Das Leben als Kunst
Der Collage-Künstler Jean-Charles de Ravenel sucht mit dem scharfen Auge eines Kurators in der VergangenheitEs wäre durchaus angemessen, Jean-Charles de Ravenel als rückwärtsgewandt zu bezeichnen. Sein Medium ist die Collage, deren Glanzzeit in die Ära von Georges Braque und Pablo Picasso fällt. Seine Quellen sind Stiche und Fotografien – die analog, auf Film aufgenommen wurden – aus lange vergangenen Zeiten und Orten wie dem Russland des 19. Jahrhunderts und dem Palm Beach der 1930er Jahre.
Bevor er sich der Collage zuwendete, sammelte de Ravenel (der übrigens vor ein paar Jahren in einer Kampagne für die Ralph Lauren Collection mitgewirkt hat) im Auktionshaus Hôtel Drouot erste Erfahrungen in der Welt der Antiquitäten und führte dann 20 Jahre lang ein Antiquitätengeschäft in der Rue Jacob in Paris (was auch sein Geburtsort ist). „Objekte, Möbel oder Dokumente zu entdecken“, sagt de Ravenel, „ist eine Leidenschaft, die mich nie wirklich verließ.“
Es war der Fund handkolorierter Stiche aus dem 18. Jahrhundert mit Abbildungen der Frauen der Romanov-Zaren, der ihn zu dem Abenteuer verleitete, Dokumente aus dieser Zeit zu sammeln: eine Einladungskarte von einer Botschaft aus dem Jahr 1910 hier, ein Original-Telegramm eines Großherzogs dort. Das Ergebnis dieser ausgedehnten Reise durch die Geschichte sind tiefgründige, fesselnde Kunstwerke sowie die Wiedererweckung der Vergangenheit in Form von Collagen. Da de Ravenel ausschließlich Original-Dokumente verwendet, besteht durchaus die Möglichkeit, dass einige dieser Dokumente niemals wieder ans Tageslicht gelangen, da sie in den Schubladen oder im Papierkorb des Sammlers verschwanden. „Es ist eine Art und Weise, wie man diese Dinge wieder zum Leben erweckt“, sagt er.
Oftmals rühren die Objekte, die er findet, an schwachen Erinnerungen aus seiner Kindheit. Bei der Recherche von Palm Beach für seine bevorstehende Ausstellung griff er auf Fotoalben seiner Großeltern aus dem Südfrankreich des frühen 20. Jahrhunderts zurück. Oftmals enthüllt seine Recherche unerwartete Verbindungen. Bei der Recherche zu Mrs. Mona Harrison Williams, einer Debütantin aus Louisville, Kentucky, die eine Zeitlang die Ehefrau eines der wohlhabendsten Männer Amerikas war, von Salvador Dalí porträtiert wurde und eine feste Größe im damaligen Palm Beach war, stolperte de Ravenel über eine Zeile aus dem Song „Ridin' High“ von Cole Porter aus dem Jahr 1936: „What do I care if Mrs. Harrison Williams is the best-dressed woman in town?“ („Was interessiert es mich, dass Mrs. Harrison Williams die bestgekleidete Frau in der Stadt ist?“). Dies regte ihn wiederum dazu an, Recherchen über Porter anzustellen. „Es hängt alles zusammen“, sagt er. „Vergessen Sie nicht, ich war einmal ein Antiquitätenhändler. Teil der Faszination ist die Suche nach den Gegenständen.“
Sein künstlerischer Prozess findet an einem großen Tisch in seinem Atelier statt, wo er mit verschiedenen Kompositionen experimentiert.„Die Form erfordert einen bestimmten Rhythmus”, sagt de Ravenel. „Nicht so sehr bei der Form der Einzelteile der Collage, sondern bei der Art, wie sie einander zu beantworten scheinen. Mich erinnert das sehr an Musik.” Während er arbeitet, ist er von Andenken umgeben, die ihn an andere Orte und Menschen erinnern. „Ich habe auch einige Schwächen, und eine davon ist, dass ich Unordnung liebe“, sagt er lachend. „Ich liebe es, von Dingen umgeben zu sein. Geben Sie mir einen leeren Raum, und ich fülle ihn sehr schnell. Das ist geordnete Unordnung.“
- MIT FREUNDLICHER GENEHMIGUNG VON JEAN-CHARLES DU RAVENEL
- © RALPH LAUREN CORPORATION



