Die authentische und zeitlose Welt von Ralph Lauren

Das Off-Road-Urgestein

Nach fast 70 Jahren wird die Produktion des unverwüstlichen und legendären, originalen Land Rovers jetzt eingestellt
Im aktuellen James Bond Film James Bond 007 – Skyfall rast 007 in einem Fahrzeug, das wie geschaffen für seine Aufgabe ist, durch die Straßen von Istanbul. Es ist nicht etwa der berühmte Aston Martin DB-5 (obgleich Daniel Craig, der James Bond spielt, diesen später im Film auch fährt) oder der tauchbare Lotus Esprit, mit dem Roger Moore in James Bond 007 – Der Spion, der mich liebte. sich auf die Spuren von Jaques Cousteau begab. Nein: Dieser James Bond bahnt sich in einem Land Rover Defender einen Weg durch das Getümmel der Marktstraßen – einem Fahrzeug, das urenglisch und kosmopolitisch zugleich ist. Genau diese Attribute sind es, die auch die James Bond Filme so beliebt machen, und das schon seit mehr als 50 Jahren.


Die Blütezeit des Britischen Weltreiches war bereits vorbei, als der Land Rover Defender 1948 seinen Erstauftritt hatte, doch in all den fremdländischen Regionen, in die die Briten einen Fuß gesetzt hatten (oder besser gesagt vier Räder) war er es, der routiniert jedes noch so unwegsame Gelände meisterte. „An vielen Orten dieser Welt, wie etwa dem subsaharischem Afrika, Indien, Australien und dem Nahen Osten war der Land Rover das erste Gefährt, das die Menschen je zu Gesicht bekommen hatten", erzählt Richard Woolley, Designchef bei Jaguar Land Rover.

 Bei einer königlichen Rundreise durch den australischen Bundesstaat New South Wales anno 1954 winken Königin Elisabeth II. und ihr Ehemann Prinz Philip von der Rückbank eines Defenders aus einer Gruppe Kinder zu
Bei einer königlichen Rundreise durch den australischen Bundesstaat New South Wales anno 1954 winken Königin Elisabeth II. und ihr Ehemann Prinz Philip von der Rückbank eines Defenders aus einer Gruppe Kinder zu

Die Tatsache, dass das Fahrzeug oftmals scheinbar wie aus dem Nichts auftauchte, sorgte natürlich für noch mehr Furore. Dank der leichten Karosserie konnte das Fahrzeug für humanitäre Missionen per Helikopter an abgeschiedene Orte transportiert werden, wie auch im Kinofilm Lara Croft: Tomb Raider zu sehen ist. Angelina Jolie spielt in dem Film eine – wie könnte es anders sein – britische Abenteurerin. Zu Hause im guten alten England war das Fahrzeug eigentlich für banalere Zwecke entworfen worden, als für die Jagd auf Spione oder die Suche nach verlorenen Zivilisationen. „Der allererste Land Rover, Jahrgang 1948, war speziell für den Einsatz auf der Farm konzipiert worden", berichtet Wayne York Kung, National Product Communications Manager bei Jaguar Land Rover in den USA. „Im England der Nachkriegszeit wurde ein Allzweckfahrzeug gebraucht, um den Wiederaufbau der Agrargesellschaft zu unterstützen." Außerdem benötigte Queen Elizabeth (die Königinmutter) ein Fortbewegungsmittel für ihre Residenz Balmoral Castle, dem schottischen Schloss der Königsfamilie. Dieses Szenario wurde in Die Queen mit Helen Mirren verfilmt.

Der Defender war sogar in so vielen Filmen zu sehen, darunter Sahara – Abenteuer in der Wüste und The Da Vinci Code – Sakrileg, dass er einen elf Seiten langen Eintrag in der Internet Movie Cars Database besitzt (IMCDB.org).

 Ein Defender wirbelt Staub auf, während er an der Olduvai-Schlucht in Tansania entlangfährt
Ein Defender wirbelt Staub auf, während er an der Olduvai-Schlucht in Tansania entlangfährt

2016 wurde der Defender offiziell in Rente geschickt. Im August 2014 gab der Mutterkonzern Jaguar Land Rover Automotive PLC bekannt, dass bereits ein neues Design fertiggestellt sei, sagte aber nicht, wann es vorgestellt werden soll.

Den Kultstatus erlangen für gewöhnlich Dinge, die unverändert bleiben. Wird der neue Defender das legendäre Image des Fahrzeuges weiter festigen? Oder wird er eine ganz andere Richtung einschlagen?

Das Unternehmen ist recht geheimniskrämerisch, was die Rückkehr des Defenders anbelangt. „Wir haben vor, in Zukunft einen Defender zu entwickeln, aber der genaue Zeitpunkt und die Details stehen noch nicht fest", so York Kung. „Wir haben noch nicht offiziell bekannt gemacht, wann der Defender zurückkehren wird."

Wenn es soweit ist, fährt der Defender vielleicht endlich wieder die Straßen – und die Berge und Strände – Amerikas entlang. Derzeit erfüllt das Fahrzeug nicht die Bestimmungen für Sicherheit und Schadstoffausstoß des National Transportation Safety Board (der Behörde für Transportsicherheit in den USA) und wird daher seit 1997 nicht mehr in den Staaten verkauft. Auf die Frage, ob der Defender überhaupt jemals wieder nach Amerika zurückkommt, gibt York Kung ebenfalls eine sehr zurückhaltende Antwort. „Ein künftiger Defender müsste natürlich so entwickelt werden, dass er globale Standards erfüllt", sagt er. „Die USA sind ein wichtiger Weltmarkt."

Der Defender war in so vielen Filmen zu sehen, darunter Sahara
– Abenteuer in der Wüste
und The Da Vinci Code – Sakrileg, dass er einen
elf Seiten langen Eintrag in der Internet Movie Cars Database besitzt.
In einem Werk im englischen Solihull fertigte Land Rover einst 17.000 Exemplare des Defenders, die hauptsächlich im Vereinigten Königreich, in Deutschland und in Frankreich verkauft wurden. Das Modell wurde 1990 „Defender" getauft, um es von dem neu eingeführten Discovery zu unterscheiden. An seinem Erscheinungsbild hat sich jedoch seit dem ursprünglichen Design aus der Nachkriegszeit nicht viel verändert. „Die Produktion des Defenders begann während der Zeit der Austerität in den ersten Nachkriegsjahren", erläutert Woolley. „Rohstoffe waren knapp und es gab eine Regierungsinitiative, um den Export voranzutreiben. Die Marke entstammt den Wertvorstellungen der damaligen Zeit. So erhielt das Fahrzeug ein schlichtes Design, ohne überflüssigen Schnickschnack. Der neue Defender wurde nach dem gleichen Credo entwickelt."
 Das schnittige aktuelle Defender-Modell macht sich im Stadtverkehr ebenso gut wie bei Offroad-Abenteuern
Das schnittige aktuelle Defender-Modell macht sich im Stadtverkehr ebenso gut wie bei Offroad-Abenteuern

Auch wenn der Antriebsstrang des Defenders über die Jahre hinweg weiterentwickelt wurde, besaß er zur Freude der Puristen noch immer ein manuelles Schaltgetriebe. Die kurze Frontpartie ist wie gemacht für den Anstieg, die hohe Bodenfreiheit ermöglicht problemlose Wasserdurchfahrten und die Achsverschränkung sorgt dafür, dass die Räder auf unebenem Gelände den Bodenkontakt halten. Der Bereich um die Kühlerhaube ist so geformt, dass man darauf stehen kann. Und wem die heimische Tierwelt einmal zu nah kommt, der klettert einfach aufs Dach. Der Ersatzreifen ist leicht zugänglich am Heck angebracht und die Türscharniere liegen frei, damit sie leicht mit Frostschutzmittel behandelt werden können.

Aber besondere Gadgets der Q-Abteilung sucht man vergebens – es gibt nicht einmal ein Navigationssystem. „Der Defender hat nicht die typischen Spielereien aus den James Bond Filmen. Er zeichnet sich vielmehr durch seine Strapazierfähigkeit und sein Leistungsvermögen aus", meint Woolley. „Er wird mit jedem Terrain fertig und es gibt keinen Ort, an dem er nicht eingesetzt werden kann." „Außerdem ist der Defender gerade wegen seiner Schlichtheit so beliebt. Die Besitzer sind nahezu fanatisch, was die Beibehaltung des Verbundenheitsgefühls und der Schnörkellosigkeit anbelangt", erzählt er weiter. „Der Defender ist im Grunde genommen ein Werkzeug, mit dem man interagiert. Es erledigt gewisse Dinge, stellt aber auch Anforderungen an den Fahrer – man durchläuft quasi einen Lernprozess, wenn man ihn zum ersten Mal fährt." Genau dieser zusätzliche Aufwand ist es, der die Menschen anspricht. „Manche geben ihrem Defender sogar einen Namen, als würde er zur Familie gehören."

 Ein Defender (oben) und ein Toyota ziehen ihre Spuren in den Dünen von Ubari in der Sahara
Ein Defender (oben) und ein Toyota ziehen ihre Spuren in den Dünen von Ubari in der Sahara
Apropos, wenn Sie in den Staaten wohnen und Interesse an einer Adoption haben, können Sie die behördlichen Hürden geschickt umgehen. Das National Transportation Safety Board verleiht allen Fahrzeugen, die mindestens 25 Jahre alt sind, Oldtimer-Status. Sie sind damit von der Erfüllung der Schadstoff- und Sicherheitsvorschriften freigestellt. Der Engländer Tom Humble hat sich auf den Import aus Europa spezialisiert. Er beschäftigt sich schon seit Langem mit der Restaurierung von Oldtimern und gründete vor zwei Jahren die Firma East Cost Defender in Kissimmee, Florida. Humble bezieht vor 1989 gebaute Defender aus dem Vereinigten Königreich und Kontinentaleuropa, um sie dann mit aus England importierten Ersatzteilen von Grund auf zu restaurieren. In der Komplettüberholung eines Defenders stecken rund 1 000 Stunden Arbeit. Jährlich verkauft er etwa 50 Stück, und der Durchschnittspreis liegt bei 80 000 bis 100 000 USD.
 Der Defender macht seinem Namen alle Ehre und ist auf jedem Terrain einsatzbereit, ob auf Sanddünen, Sumpfland oder Schlammfeldern, wie oben zu sehen
Der Defender macht seinem Namen alle Ehre und ist auf jedem Terrain einsatzbereit, ob auf Sanddünen, Sumpfland oder Schlammfeldern, wie oben zu sehen

Sein Kundenstamm setzt sich teils aus Off-Road-Enthusiasten und teils aus den Leuten zusammen, die einfach nur etwas Außergewöhnliches wollen und die er „Modekunden" nennt. Seit er auf seiner Website Optionen zur Kundenanpassung anbietet, kann Humble sich vor Anfragen kaum noch retten. Seine Käufer können ihren Defender jetzt mit GPS und Bluetooth ausstatten lassen, von den angenehmen Extras wie Ledersitzen und Klimaanlage ganz zu schweigen. „Der Defender ist nicht effizient oder aerodynamisch und lässt sich auch sonst nicht mit einem modernen Auto vergleichen", so Humble. „Aber dafür fühlt er sich ja auch komplett anders an, und genau das macht seinen Reiz aus."

Im Hauptsitz von Land Rover gesteht Woolley ein, dass er die große Verantwortung bei der Entwicklung des neuen Defenders spürte. Er musste den goldenen Mittelweg zwischen klassischer Zweckmäßigkeit und dem Wunsch nach Innovation finden. Wenn er endlich der Öffentlichkeit vorgestellt wird, sollte man laut Woolley auf alles gefasst sein, sogar auf einen Hybridmotor. „Das neue Modell muss modern und relevant sein. Land Rover war schon vom ersten Tag an innovativ, daher ist alles möglich."

Christian Chensvold schreibt regelmäßig Beiträge für RL Magazine und ist Co-Autor von Ivy Style. Er lebt in New York.
  • MIT FREUNDLICHER GENEHMIGUNG VON LAND ROVER
  • FOTO VON PAUL POPPER/POPPERFOTO; MIT FREUNDLICHER GENEHMIGUNG VON GETTY IMAGES
  • FOTO VON JOE SCHERSCHEL; MIT FREUNDLICHER GENEHMIGUNG VON GETTY IMAGES
  • FOTO VON VINCENZO MARCANTONIO; MIT FREUNDLICHER GENEHMIGUNG VON GETTY IMAGES