Wimbledon steht für Rasentennis, Erdbeeren mit Schlagsahne und eine lange Tradition. Die French Open sind bekannt für ihre Sandplätze. Doch es gibt nur ein großes Turnier, bei dem man die geballte Energie von New York City spüren kann – die US Open in Flushing Meadows, Queens, wo die besten Spieler der Welt (und die Balljungen und -mädchen ) Flugzeuglärm, kreischenden Fans und aufregenden abendlichen Matches unter Flutlicht die Stirn bieten und ein weltweit einzigartiges Tennisspektakel kreieren. Im Vergleich zur zivilisierten Ruhe in Wimbledon, wo die Zuschauer nicht zu flüstern wagen, gleichen die US Open eher einem Boxkampf: laut und mitreißend. Es gibt in der Welt des Tennis nichts Vergleichbares.
„Es ist ein herausfordernder Ort, sehr anspruchsvoll und mental anstrengend, besonders wegen der Geräusche und der Atmosphäre“, so Ivan Lendl, der das Turnier drei Jahre in Folge von 1985 bis 1987 gewinnen konnte.
Ein hart umkämpftes Match erzeugt im Dunkeln noch mehr Energie und Leidenschaft bei Zuschauern und Spielern. „Die Nacht-Matches sind pure Energie“, so der fünfmalige Gewinner der US Open Roger Federer. Der ehemalige US-amerikanische Star-Spieler Andy Roddick, der das Turnier im Jahr 2003 gewann, sagt: „Dieses Turnier hat eine einzigartige Energie. Es ist nicht einfach ein Tennisturnier – es ist ein Event.“
Ein Ereignis, das jedes Jahr aufs Neue berühmte New Yorker Tennisfans anlockt, darunter Jay-Z und Anna Wintour (die bekanntermaßen für Roger Federer ist, natürlich versteckt hinter ihrer obligatorischen schwarzen Sonnenbrille).
Das Turnier gibt es seit 1881, wo es im ruhigeren Newport, Rhode Island, ausgetragen wurde. Im Jahr 1915 erfolgte der Umzug der damaligen „US National Championships“ nach New York. Für eine kurze Zeit gastierte das Turnier in Philadelphia, doch schon 1924 kam es endgültig zurück nach New York und fand seine Heimat im aufstrebenden West Side Tennis Club in Forest Hills, Queens. Es war das erste Jahr, in dem die US National Championships von der International Lawn Tennis Federation offiziell als Grand-Slam-Turnier geführt wurde.
Seitdem wurde auf den zehn Grasplätzen regelmäßig Geschichte geschrieben. 1957 gewann Althea Gibson, die als Kind auf den Asphaltstraßen von Harlem mit Paddle-Tennis aufwuchs, als erste Afroamerikanerin bei den US Nationals – zehn Jahre nachdem Jackie Robinson die Rassenschranken beim Baseball in Brooklyn durchbrochen hatte. 1968, im ersten Jahr der Ära der „US Open“, gewann der US-Amerikaner Arthur Ashe das Männerturnier nach fünf aufregenden Sätzen gegen den Niederländer Tom Okker. Ashe war zu diesem Zeitpunkt noch als Amateurspieler registriert und durfte daher kein Preisgeld annehmen. Anstelle der 14.000 Dollar Siegprämie erhielt er nur 280 Dollar Spesen.
Die Beliebtheit des Turniers nahm im Laufe der Zeit immer weiter zu und auch der Tennissport wurde für mehr Menschen zugänglich. Im 15.000 Zuschauer fassenden Tennisstadion von West Side jubelten die Fans aber nicht nur bei Tennismatches, sondern auch bei legendären Rockkonzerten von den Beatles, Rolling Stones, Bob Dylan und vielen anderen.
Die intensive Energie dieses Stadions wurde bald zu einem Problem, sowohl für die Spieler als auch für die Zuschauer. 1977, im wahrscheinlich wildesten Jahr der US Open, fand das letzte Turnier in Forest Hills statt – und gleichzeitig endete die kurze Episode, auf der das Turnier auf Plätzen mit einem Belag aus grüner Tonerde gespielt wurde. Die Schreie, wilden Diskussionen und heftigen Streitigkeiten zwischen den Zuschauern entsprachen ganz dem Temperament von Jimmy Connors. Einem Fan wurde aus einer nahegelegenen Wohnung ins Bein geschossen. Und am Ende des Herren-Finales wollte Connors die Arena sofort verlassen, noch bevor die Trophäen überreicht wurden (er missachtete sogar den letzten Aufruf eines Linienrichters). Den Fans war das egal. Sie trugen stattdessen den Sieger Guillermo Vilas auf den Händen.
1978 erfolgte dann der Umzug des Turniers in sein neues Hartplatzdomizil in Flushing im Stadtteil Queens. Flushing ist ein sehr geschäftiges und abwechslungsreiches Viertel und nicht vergleichbar mit dem All-England Tennis Club im feinen Wimbledon oder dem noblen Roland-Garros in Paris. Doch abgesehen von den Menschen und Restaurants aus beinahe allen Kulturen der Welt konnte Flushing vor allen Dingen mit einem ganz besonderen Nachbarn glänzen: dem Flughafen LaGuardia. Es ist ein Beispiel für den hohen Stellenwert des Tennis in New York, dass der Bürgermeister David N. Dinkins im Jahr 1990 dafür kämpfte, dass Flugstarts nicht weiter direkt über dem Stadion stattfinden.
Doch tatsächlich hat für die Gewinner dieses Turniers der Fluglärm nie eine wirkliche Rolle gespielt, insbesondere nicht für John McEnroe, den Liebling der New Yorker, der die Stadt wie kein anderer repräsentierte. Er wuchs in Douglaston im Stadtteil Queens auf und seine freche, unerbittliche (und auch stilvolle) Art machte ihn zu einem Spieler, wie ihn die USA nie zuvor gesehen hatten. Er gewann das Turnier vier Mal: 1979, 1980, 1981 und 1984.
Doch die interessanteste Besonderheit von Flushing ist, dass hier regelmäßig erfahrene Spieler im Herbst ihrer Karriere zu unglaublichen Leistungen inspiriert wurden. Ein typisches Beispiel: Connors unglaubliches Comeback im Jahr 1991. Zu dieser Zeit hatte sich sein feuriges Temperament schon etwas abgekühlt und das Publikum respektierte und mochte ihn. Und so herrschte allgemeiner Jubel, als er, nur wenige Tage vor seinem 39. Geburtstag, bei seinem Comeback im Erstrundenmatch gegen Patrick McEnroe, John McEnroes Bruder, nach fünf Sätzen gewann. Und er gewann einfach weiter, darunter auch in einem der spannendsten Spiele in der Geschichte der US Open: Sieg nach fünf Sätzen und zwei Tiebreaks gegen seinen ehemaligen Protegé Aaron Krickstein.
„Ich habe viele brutale Matches gespielt, doch keines war so hart wie dieses“, sagte Connors im Anschluss. „Ich habe mich nach einem Match niemals so gefühlt wie heute.“ Und auch wenn dieses späte Karriere-Hoch nur kurz andauerte, fügte er hinzu: „Ich sage immer, dass das die besten elf Tage meiner Karriere waren.“
Vielleicht genauso aufregend wie das Comeback von Connors war ein Match bis spät in die Nacht im Jahr 2005, mit Andre Agassi in der Hauptrolle. Inspiriert von einer elektrisierten Menschenmenge, kam der damals 35-jährige Agassi, weit über dem Zenit seiner Karriere, nach zwei Sätzen Rückstand noch einmal zurück und schlug den US-Amerikaner James Blake nach fünf Sätzen. Das Match endete um 1:09 Uhr in der Nacht.
Aufregende Matches bis spät in die Nacht – das ist eines der Markenzeichen der US Open. Es gab bei den US Open bisher fünf Spiele, die erst nach 2 Uhr in der Nacht endeten, zwei davon seit 2012. Kei Nishikori überlebte einen dieser Krimis im Jahr 2014 und zeigte sich tief beeindruckt von den Fans, die bis zum Ende im Stadion blieben. „Es ist wunderbar, auch noch um 2 Uhr nachts so viele Fans zu sehen“, sagte er der Times nach dem Match. „Ich frage mich nur, wie sie jetzt noch nach Hause kommen.“ (Wahrscheinlich mit der U-Bahn 7, die die ganze Nacht fährt und in der man die Atmosphäre des Stadtteils spüren kann.)
Heute kann man hier alles genießen, was NYC als Gastgeber zu bieten hat. Während des Turniers eröffnen hier Filialen der besten New Yorker Restaurants mit Burgern, Grillspezialitäten, Austern, Tacos, Sushi, Curry-Gerichten und vielem mehr. Es gibt sogar einen offiziellen Cocktail: den Honey Deuce, garniert mit Honigmelone – New Yorks Antwort auf den Pimm’s Cup aus Wimbledon. Und natürlich gibt es auch einen Shop von Polo Ralph Lauren mit einer US-Open-Kollektion in limitierter Auflage (einschließlich der brandneuen Create Your Own Polo Shirt Experience, die exklusiv nur während des Turniers erhältlich ist).
All dies und noch viel mehr wird während des Turniers geboten, das in einem wunderschönen Stadion mit 23.771 Plätzen und einem beeindruckenden 100 Millionen Dollar teuren einziehbaren Dach stattfindet. Es wurde nach dem Mann benannt, der für seinen Turniersieg 280 Dollar Spesen bekam: Arthur Ashe.
Ein weiterer Beweis, dass bei den US Open alles möglich ist.- FOTOS VON JEWEL SAMAD/AFP/GETTY IMAGES
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