Die authentische und zeitlose Welt von Ralph Lauren
November 2025
RL/Kultur

Von Geburt an wild

Die Aufzucht eines Mustangfohlens.
Von Rae Del Bianco
In der Mojave-Wüste bricht gleich der Tag an. Stellen Sie sich eine ganz einfache Hütte vor, eine von Tausenden kleinen Hütten – Überbleibsel des Small Tract Act von 1938, einem längst vergessenen Versuch der US-Regierung, willigen Amerikanern und deren Familien staatliches Land zu geben, das in ihren Augen „nutzlos“ war. Die Leute wurden dazu angehalten, nach San Bernardino County zu kommen, ein Haus (mindestens 18 Quadratmeter) zu bauen und ihr Grundstück zu nutzen. Viele der Hütten – wenn nicht die meisten – stehen leer oder sind komplett zerfallen. Übrig bleiben lediglich ein paar wenige Eisenstangen und Betonstücke, die als Unterschlupf für Klapperschlangen, Ratten oder Kojoten dienen. Aber in dieser Hütte brennt Licht. Ich stehe in meinem Daunenmantel und abgetragenen Schaffelllatschen vor meinen Herd mit drei Platten und erhitze Ersatzmilch für Fohlen. Ich bin in diesem unbesiedelten Stück Wüste, jenseits aller befestigten Straßen, weil ich vor sechs Jahren meinen ersten Sonnenaufgang im Westen erlebte und mir geschworen hatte, in meinem Leben so viele wie möglich davon zu sehen. Zwischen der Hütte und dem Joshua-Tree-Nationalpark erheben sich im Süden zwei Felswände aus verwittertem Granit. Im Moment haben sie einen bläulichen Schimmer, doch die Mittagssonne wird sie schwarz färben. Im Norden erstreckt sich eine weite, leere Sandwüste, die an eines der jüngsten Vulkanfelder des Landes grenzt. Ich sitze mit müden Augen vor diesem Ofen und wärme mich, denn aufgrund einer Reihe unerwarteter Ereignisse nachdem mein Partner und ich in diese kleine Hütte gezogen sind, haben wir jetzt ein sechs Tage altes Mustangfohlen, dessen Mutter nicht genug Milch gibt.
Der Mustang. Laut einem Gesetz, das der US-Kongress 1971 verabschiedete und das ihnen rechtlichen Schutz und Erhalt gewährt, sind Mustangs ein „lebendiges Symbol des historischen Pioniergeistes des amerikanischen Westens“. Was US-amerikanische Ikonen angeht, könnten wir genauso gut ein Weißkopfseeadler-Junges in einem Schuhkarton aufziehen. Die Liebe meines Lebens schläft im anderen Zimmer (die Hütte hat nur zwei Räume), nachdem er die Nachtschicht übernommen hat. Du stehst knietief in der jahrhundertealten Geschichte des US-amerikanischen Westens und irgendwie – ungeachtet all der anderen Lebenspläne, die du in diesem Moment hattest, Pläne, etwas zu schreiben oder zu bauen – musst du jetzt an diesem Herd stehen, damit ein kleiner Teil davon überlebt. Ich gehe durch die Kakteen und Palo-Verde-Bäume, die um die Veranda herum stehen, hinaus zum Gehege. Claudine, wie wir sie genannt haben, wiegt 18 Kilogramm und besteht nur aus Beinen – eine kleine Tarantel mit einem Pferdegesicht. Ich gieße die Hälfte der Milch in einen Napf und lasse die andere Hälfte im Topf – sie trinkt sie nicht mehr, wenn sie kalt ist.
„Was US-amerikanische Ikonen angeht, könnten wir genauso gut ein Weißkopfseeadler-Junges in einem Schuhkarton aufziehen.“
Dies ist das Land des Country-Sängers Marty Robbins, und die Lieder „Saddle Tramp“ und „Cool Water“ begleiten uns durch den Tag. Wir wollten eigentlich nur reiten, doch dann wurde Claudine zu unserem Lebensinhalt. Ich nenne meinen Paint Mustang „Petit Poisson“ („Kleiner Fisch“ auf Französisch), denn ein alter Cowboy sagte einmal: „Den kann man nicht einfach so bändigen, den muss man einfangen wie einen Fisch.“ Mein Paint Mustang ist ca. 1,40 Meter groß und kann mitsamt dem Sattel nicht mehr als 82 Kilogramm tragen. Von meinem ersten Reitunfall mit ihm habe ich Schrammen an der Schulter, aber er ist das Schönste, das ich je gesehen habe. Man riecht die Kreosotbüsche nur bei Regen, und dieses Jahr hat es bereits zweimal geregnet. Beim ersten Regen kroch ein Skorpion – so groß wie meine Hand – unter dem Haus hervor und trank das Wasser, das in einer winzigen Rille an der Holzverkleidung herunterlief. Ich fühlte mich, als ob ich ein Wunder erlebte. Claudine braucht Hilfe. Man muss ihr Maul mit den Fingern in Richtung Napf ziehen. Sie schnaubt hinein und beschmiert wieder einmal meinen Mantel mit der Milch, die klebrig ist und nach Milchpulver riecht. Ich rede ihr gut zu – wie einem zweijährigen Kind, das sein Gemüse nicht essen möchte. Trink! Nimm zu! Werde größer, als ich es jemals sein werde! Ich werde mich nicht erinnern, wie viele schlaflose Nächte und Tage so vergehen, aber eines Tages wird sie Heu fressen. Wenn sie rennt – was sie schon seit dem zweiten Tag nach ihrer Geburt tut –, dann bäumt sie sich gen Himmel auf und sucht dann in unseren Gesichtern nach Zustimmung, die wir ihr mit überschwänglicher Freude gewähren. In der Mojave-Wüste sind die Pflanzen nicht an eine bestimmte Jahreszeit gebunden; sie blühen, wenn es regnet. Eine Schildkröte kann ein halbes Jahr ohne Wasser auskommen. Kreosotbüsche klonen sich selbst, und wenn die alten Büsche im Inneren absterben, bilden sich Ringe – so alt wie der Westen, so alt wie der Mustang. Durch Claudines wildes Aufbäumen spritzt immer wieder Wasser aus dem Wassertrog auf den trockenen Wüstenboden, und so wachsen jeden Tag winzige einheimische Blüten aus dem Sand und markieren ihre Schritte der vorherigen Tage. In einer solchen Landschaft fühlt man sich als Mensch extrem klein – wohingegen sich ein sechs Tage altes Fohlen fühlen kann, als ob es tausend Jahre alt wäre. Wir sind keine Experten, aber einige von uns werden noch zu Cowboys. Auf dem Betonboden liegen Kaktusstecklinge, die ich noch in Töpfe umpflanzen muss, damit sie Wurzeln bilden. Ich lebe in meinen Cowboystiefeln, doch mein Partner geht barfuß, völlig furchtlos. Dies ist unser Zuhause.

RAE DEL BIANCO, eine ehemalige Rinderzüchterin, ist die Autorin des Romans Rough Animals.