Estate of Play
Der Herzog von Richmond spricht über sein Leben voller Geschwindigkeit und Stil, von den Filmdrehs mit Stanley Kubrick bis zur Gründung des mittlerweile legendären Goodwood RevivalsBei jeder Motorsport-Veranstaltung stellt man fest, dass alle Augen auf die Rennstrecke gerichtet sind, auf die Rennwagen und die furchtlosen Seelen, die sie fahren. Nun, bei fast jeder Motorsport-Veranstaltung. Beim Besuch der drei jährlich stattfindenden Zelebrationen von Geschwindigkeit und Stil auf dem historischen Goodwood Estate in Südengland merkt man schnell, dass das Publikum genauso viel Aufmerksamkeit auf sich zieht wie die Autos. Und genau dies ist die Absicht des Gastgebers, des Herzogs von Richmond - der sich selbst als Charles vorstellt.
„Bisher standen bei Auto-Events immer die Rennfahrer im Mittelpunkt“, sagt er. „Sie waren nie zur reinen Unterhaltung der Zuschauerinnen und Zuschauer gedacht. Die Idee, etwas zu machen, was wahnsinnig viel Spaß macht und unterhaltsam ist, wobei die Leute ganz nah am Geschehen, an den Autos sind und die Fahrer kennenlernen können – all das war etwas völlig Neues. Wir hatten Glück, denn es ist eines dieser Dinge, die wirklich die Fantasie der Leute beflügelte.“
Dieser auf Spaß ausgerichtete Ansatz erklärt, warum das idyllische Anwesen gerade der Schauplatz der 30. Auflage des Goodwood Festivals of Speed (einer Rennveranstaltung) und des 25. Goodwood Revival Festivals (das Oldtimern und alten Autos gewidmet ist) war, und warum dort regelmäßig Events wie das alljährliche Members’ Meeting (das trotz seines Namens in begrenzter Teilnehmerzahl für die Öffentlichkeit zugänglich ist) stattfinden. Im vergangenen Jahr fand außerdem Goodwoof statt – eine Veranstaltung rund um den Hund mit einer Hundeausstellung, einem Hundehütten-Wettbewerb und sogar Wellness-Workshops für die Vierbeiner. Der Herzog erwähnt, dass ein Zwinger aus dem 19. Jahrhundert auf dem Anwesen einst als „die glamouröseste Hundehütte der Welt“ galt – und so knüpft dieses verspielte Event an eine langjährige Geschichte an.
Eine Geschichte, die oft mit der Idee von Geschwindigkeit verbunden ist. Vor dem 19. Jahrhundert fanden auf dem Anwesen Pferderennen zwischen dem Herzog von Richmond und dem König statt. Im Jahr 1802 wurde die Pferderennbahn der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, die bei den Rennen eifrig Wetten abschloss. 1948 folgte die Rennstrecke, die vom verstorbenen Großvater des heutigen Herzogs eröffnet wurde. Wenn der jetzige Herzog „Öl in den Adern“ hat, dann liegt das definitiv an seiner Abstammung – denn genau dieser Großvater fuhr mit seinem Jensen an jenem Tag durch London, an dem eine Geschwindigkeitsbegrenzung eingeführt wurde. Das Ergebnis: eine Festnahme und ein Foto, auf dem er beim Verlassen der Polizeiwache in echter Churchill-Manier ein „V“ für „Victory“ zeigt.
(Oben): Der Herzog von Richmond und zwei seiner Söhne, Charles (stehend) und William. (Darüber): Szenen des 30. Goodwood Festival of Speed, das im September 2023 stattfand, und ein Vintage-Emaille-Abzeichen, das das Festival jedes Jahr neu auflegt. Sobald man es durch das Knopfloch seiner Jacke zieht, ist man mit von der Partie
Ein Blick auf das Goodwood Estate im Laufe der Jahre, inklusive dem Moment in dem Stirling Moss und Carroll Shelby bei der Siegerehrung gemeinsam auf der Bühne standen
Ein Blick auf das Goodwood Estate im Laufe der Jahre, inklusive dem Moment in dem Stirling Moss und Carroll Shelby bei der Siegerehrung gemeinsam auf der Bühne standen
Ein Blick auf das Goodwood Estate im Laufe der Jahre, inklusive dem Moment in dem Stirling Moss und Carroll Shelby bei der Siegerehrung gemeinsam auf der Bühne standen
Ein Blick auf das Goodwood Estate im Laufe der Jahre, inklusive dem Moment in dem Stirling Moss und Carroll Shelby bei der Siegerehrung gemeinsam auf der Bühne standen
Ein Blick auf das Goodwood Estate im Laufe der Jahre, inklusive dem Moment in dem Stirling Moss und Carroll Shelby bei der Siegerehrung gemeinsam auf der Bühne standen
Der Herzog bedauert, dass er selbst eher selten zum Spaß fährt, erwähnt aber auch, dass man auf der Gegengeraden der Goodwood-Rennstrecke bis zu 275 km/h erreichen kann. Er fährt meist, weil er sich für einen bestimmten Wagen begeistert und nicht unbedingt wegen der Geschwindigkeit. „Es ist irgendwie das beste Auto der Welt“, sagt er über seinen Lancia Aurelia B20. „Tatsächlich ist er genauso alt wie ich. Er ist eine echte Schönheit – in Schwarz, mit einem Interieur aus grauem Stoff. Ein unwahrscheinlich elegantes Auto für seine Zeit, und es macht einfach wahnsinnig Spaß, es zu fahren.“ (Auf die Frage nach seinem ungeliebtesten Auto nennt er sein erstes: ein dreirädriger Morgan, der auf Geheiß seiner Eltern ausgewählt wurde, um ihn von Motorrädern fernzuhalten. „Der war wirklich schlimm“, sagt er lachend. „Das war ein schreckliches Auto.“)
Im Gegensatz zu den Menschen, die den Stand des modernen Automobilbaus und die Entwicklung hin zu Elektroautos und Biokraftstoffen beklagen – die, obwohl sie zweifelsohne umweltfreundlich sind, nicht das verführerische Aufheulen eines optimal eingestellten Verbrennungsmotors erzeugen – hat der Herzog dies als einen Schritt in Richtung Fortschritt akzeptiert und präsentiert bei seinen Automobilveranstaltungen auch solche Innovationen. Beim Goodwood Revival gibt es auch das Revive & Thrive Village, wo man Kunsthandwerkerinnen und Kunsthandwerker treffen und ihnen bei der Arbeit zuschauen kann – vom Vergolden über die Weberei bis hin zum Blockdruck und Upcycling von Möbeln. Ein altmodischer Ansatz für das neumodische und oft nebulöse Konzept der Nachhaltigkeit.
„Wenn man schöne Dinge liebt, muss man sie pflegen“, sagt er. „Egal, ob es sich um ein Auto oder ein Stück Stoff handelt. Meiner Meinung nach ist das eine sehr positive Einstellung und verleiht dem Revival mehr Bedeutung.“
Aus diesem Grund beherbergt das Anwesen auch einen 1400 Hektar großen Bio-Bauernhof und ein Wellness-Boutique-Hotel. Und auch die Zukunftspläne, die der Herzog für Goodwood hat, sind von dieser Denkweise beeinflusst: eine Kunststiftung für zeitgenössische Kunst, deren Eröffnung für das Frühjahr 2025 geplant ist. Sie befindet sich in einem 28 Hektar großen, vom Landschaftsarchitekten Dan Pearson gestalteten Garten, wird von Ann Gallagher, der ehemaligen Direktorin für britische Kunstsammlungen in der Tate London, kuratiert und wird sich den Themen Umwelt und Bildung widmen.
(Oben): Das Gutshaus auf dem 4.000 Hektar großen Anwesen; William und Charles in Looks aus der Kollektion Polo Originals für diese Saison
Doch der Herzog unterstützt nicht nur die Kunst – er ist auch ein versierter Fotograf, der seine lebhaften, abstrakten Werke unter dem Namen Charles March bereits in London, New York, Los Angeles und Rom ausgestellt hat. Dieses Hobby entdeckte er schon früh, und es führte zu einem unerwarteten Auftrag: als Teenager fotografierte er für Stanley Kubrick, als dieser sich auf die Dreharbeiten für Barry Lyndon vorbereitete. Der große Regisseur – der anfangs selbst als Fotograf tätig war – gab ihm einige Ratschläge. „Er gab mir ein paar grundlegende, hilfreiche Tipps“, sagt der Herzog – aber die wichtigste Lektion war die Leidenschaft.
„Stanley war so konzentriert“, sagt er. „Und das 24 Stunden am Tag – voller Einsatz und absolute Konzentration. Es gibt keine Kompromisse – es gibt nur einen Weg, und der ist der beste. Dass ich mit 17 Jahren von Menschen umgeben war, die keinerlei Kompromisse machten, hatte einen enormen Einfluss auf mich.“ Die beiden blieben über die Jahre hinweg in Kontakt, und trotz der Bescheidenheit des Herzogs – im Hinblick auf seine Events witzelt er „Ich liebe und hasse sie alle“ – ist es offensichtlich, dass Kubricks Ansatz seine Leidenschaft für das Goodwood Estate beeinflusst hat.
Was die Zukunft des Anwesens angeht, so ist es in guten Händen: Der 68-jährige Herzog hat fünf Kinder, die mit der gleichen Leidenschaft bei der Sache sind wie er. Er berichtet, dass seine beiden ältesten Söhne Charles (28) und William (26) die Leidenschaft für Geschwindigkeit teilen, jedoch interessiert sich der eine mehr für Rennpferde, und der andere mehr für den Motorsport.
„Uns ist es enorm wichtig, dass alles, was wir tun, von Relevanz für eine moderne Welt ist“, sagt er. „Wir haben solches Glück, dieses Erbe und diese Authentizität zu haben, aber all das ist nur dann von Bedeutung, wenn es zukunftsgerichtet ist, die Menschen tatsächlich anspricht und ein sich stetig veränderndes Publikum begeistert.“
Dinge zu pflegen, ist bei Goodwood nicht nur eine Redensart, sondern eine Lebenseinstellung.
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