Die authentische und zeitlose Welt von Ralph Lauren

Eine Erfolgsstory

Wie eine einfache gelbe Kordsamthose zum Inbegriff des gewagten Preppy-Stils wurde

Irgendwann im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts – gemäß Archivaufzeichnungen soll es um 1904 gewesen sein – fingen Studenten der Purdue University in Indiana an, ihre Hosen zu bemalen. Es war zwar nicht unbedingt der gegenkulturellste Akt der Rebellion (obgleich unkonventioneller als das Anti-Establishment), aber innerhalb weniger Jahre wurden handbemalte goldene Kordsamthosen – auch Senior Cords oder Whistlers (aufgrund des rauschenden Geräuschs, das eine Kordhose an einem knackigen Herbstnachmittag von sich geben kann) genannt – zu einer einzigartigen Form des Selbstausdrucks.

Schon davor waren die Studenten von Purdue für ihr großes Interesse an Artikeln und Zeitungsrubriken zum Thema Kleidung und Schneiderei bekannt. Kopfbedeckungen waren besonders populär – ein Bowler, eine Melone, eine Mütze oder ein Seemannshut, auch Topfhut genannt, sagte bereits etwas über ihren Jahrgang oder ihre Clubmitgliedschaft aus, während die Farbe des Knopfes oder der Krone der Woll-Baseballkappe möglicherweise den Studiengang verriet. Sie waren ein dichtes Netzwerk von Codes, das den gesamten Campus in Stammeszugehörigkeiten unterteilte und vermutlich den Effekt einer langjährigen regionalen Produktion der West Side Story hatte.

Ein Purdue-Pärchen präsentiert seine zusammengehörenden Designs 1956
Ein Purdue-Pärchen präsentiert seine zusammengehörenden Designs 1956

All das hätte sicher schon ausgereicht. Doch dann erschien ein Ballen getreidefarbenen Kordsamts im Schaufenster der Taylor Steffen Co., einem Schneider in der Main Street in Lafayette, der die Aufmerksamkeit einiger Purdue-Studenten auf sich zog (die Universitätsfarben sind nach wie vor Gold und Schwarz). Diese kauften den Stoff und ließen sich Hosen daraus schneidern, die sie anschließend mit Farbe oder Filzstiften bemalten, so, als verzierten sie eine Toilettenwand mit Graffiti. Die Studenten brachten die Kritzeleien, Karikaturen und Witze, die eigentlich für ihre Jahrbücher vorgesehen waren, massenhaft auf ihre Hosen und machten sie so buchstäblich zu tragbaren Ehrenabzeichen: bunte und freche Zeichen für Bündnisse, Freundschaften und Details, die der Welt zur Schau gestellt wurden (oder zumindest der gesamten Studentenschaft). Sie verzierten ihre Kordhosen mit den Insignien ihrer Bruder- oder Schwesternschaft, Spitznamen und Symbolen ihrer Studentenzimmer, ihrer Heimatstädte und Bundesstaaten, sogar ihrer Fächer (blubbernde Teströhrchen für Chemie, karikierte Winkelmesser für Ingenieurwesen).

Der Style wurde für die Seniors bald unerlässlich. Man perfektionierte ihn bis zum Eröffnungsspiel der Footballsaison und trug ihn schließlich als geschlossene Masse anlässlich der Parade am Spieltag. Die Hosen waren ein Erfolg. Sie hatten es geschafft, sie waren in jeder Hinsicht die Air Jordans ihrer Tage oder zumindest erfolgreich genug, dass die Taylor Steffen Company ihre Werbung um den Slogan „Schneider für Studenten“ erweiterte. Die Tradition vertiefte sich ebenso wie die Ausführungen, und gegen Ende der 1950er-Jahre waren die Hosen ein Synonym für das Studentenleben von Purdue und ein besonderes Phänomen des typisch amerikanischen Preppy-Styles der Colleges.

Seniors von 1943 bei der Tradition, ihre von Erstsemester-Studenten ihrer Bruderschaft „gestohlenen“ Kordhosen zurückzuerobern
Seniors von 1943 bei der Tradition, ihre von Erstsemester-Studenten ihrer Bruderschaft „gestohlenen“ Kordhosen zurückzuerobern

„Es war Teil der Kultur“, sagt Harvey Berliner, der 1965 in Purdue seinen Abschluss machte. Jeder Senior trug sie und bemalte sie mit der Geschichte seiner vier Jahre an dieser Universität. “Die so bedeutungsvollen Kordhosen brachten ihre eigenen Traditionen hervor, zum Beispiel die, dass Erstsemestler versuchten, sie zu ergattern und zu verunstalten. „Als mein Jahrgang im ersten Semester war, versuchten wir die Kordhosen der Seniors am Abend vor der Parade zu finden und malten sie grün an“, erinnert sich Berliner. „Dafür mussten wir teuer bezahlen, aber es hat sich gelohnt.“

Die Designelemente der Senior Cords wurden immer ausgetüftelter und präsentierten sich mit der Zeit überzeugend als All-Over-Effekt, ein etwas weniger dramatischer Vorgänger der Tattoo-Überzieher: Karikaturen von Lokomotiven und Kesselschmieden an den Beininnennähten, mit schrägen Glyphen übersäte Hosenbünde und rote Ringelrosen an den Beinabschlüssen (für die erste Fahrt des Footballteams der Schule zum Rose Bowl 1967, bei dem Purdue die University of Southern California abfertigte). Jungen und Mädchen verkündeten ihre Zusammengehörigkeit, indem sie ein zusammenhängendes Motiv jeweils zur Hälfte auf zwei Hosen malten, was sich charmant zu einem Gesamtbild fügte, sobald die beiden nebeneinander standen.

Als Berliner selbst zu den Seniors gehörte, blieb er zusammen mit seiner damaligen Verlobten und heutigen Frau Edith die ganz Nacht wach, um seine Kordhose zu gestalten. „Sie hat das meiste gemalt“, sagt er. Auf einem Schnappschuss vom nächsten Morgen präsentiert ein jugendlicher, wenn auch etwas übernächtigter Berliner voller Stolz seine Kordhose: am Gesäß eine Lokomotive und an den Hosenbeinen Karikaturen, die an Berliners eigene akademische Entwicklung erinnern – eine davon zeigt ihn als eifrigen jungen Studenten, eine andere als bierbäuchigen Absolventen. „Es war eine stolze Tradition – alle Seniors liefen gemeinsam in ihren Kordhosen zum Footballstadium.“

Die Studenten von Purdue hielten an der Tradition der Senior Cords bis in die 1970er-Jahre fest. Dann aber ließ der College-Einfluss auf die amerikanische Kleiderordnung nach, und Sportbekleidung diente nicht mehr dazu, Bildungsinsignien zur Schau zu stellen, sondern war Kleidung, die speziell für den Sport gemacht war, so wie Sneaker. Für eine gewisse Zeit etablierten sich die Hosen jedoch zu so etwas wie einem sozialen Netzwerk (ohne Internet) – eine Tradition, die bis in die Highschools der Region durchsickerte und durch die man zu einer wandelnden Werbetafel für sich selbst oder einer Mischung aus der eigenen Biografie und gesammelten Erfahrungen wurde und all die kleinen Dinge zur Selbstidentifikation mitteilte, die letztendlich auf eines hinausliefen: gegenseitiges Verständnis. Es hat schon etwas, wenn man all das auf zwei Hosenbeinen unterbringt.

Mitglieder des 1961er-Jahrgangs arbeiten an ihren Kordhosen
Mitglieder des 1961er-Jahrgangs arbeiten an ihren Kordhosen
Max Lakin ist ein Schriftsteller in New York. Seine Artikel erschienen in T: The New York Times Style Magazine, New York, Garage und The New Yorker.
  • Mit freundlicher Genehmigung der Purdue University